Die Suche nach dem Schuldigen destruktiv - und ein Feind des Lernens!!

Die Suche nach den Schuldigen ist ein beliebtes Spiel allerorts.
Sie ist jedoch nicht nur destruktiv. Sie vergiftet nicht nur das Klima und zerstört Beziehungen.
Viel schlimmer, sie hindert uns daran, das zu lernen – und zu ändern – was wirklich notwendig ist.

Das kennt jeder von uns: Irgendwas ist schief gegangen. Sofort taucht die Frage auf: „Wer hat's verbockt?“ Und schon ist das Schwarze-Peter-Spiel am laufen.

Selbstverständlich suchen die meisten erst mal die Schuld bei anderen.
Was mich in einem aktuellen Projekt zur Prozessoptimierung jetzt aufgefallen ist und mir überrascht hat, ist, dass wir uns häufig selbst für „schuldig“ erklären.

Die Mitarbeiter in diesem  Projekt haben eine sehr positive Haltung und ein positives Interesse am Ergebnis (ist das nicht oft so?) und sind offen. Bei der Betrachtung von Fehlern im Arbeitsgeschehen kommen dann Äußerungen wie: „Da muss ich mich besser konzentrieren, da muss ich mich mehr anstrengen, das hätte ich wissen oder voraussehen müssen ...“ Und dann ist mir aufgefallen, dass ich das mit mir auch so mache.

Aber das funktioniert nicht, das ist eine Falle.

Die Grundannahmen hinter der Strategie der Schuldigensuche sind leider falsch:
Die erste offensichtliche Grundannahme ist, dass die Ursache eines Problems oder Fehlers darin liegt, dass jemand (im Zweifelsfall wir selber) persönlich nachlässig, leichtsinnig … gehandelt haben.
Die Wahrheit ist, dass die meisten versuchen, ihren Job immer gut zu machen, aber jeder einer Tagesform unterliegt, wechselnden Störungen und Belastungen von außen ausgesetzt ist, über bestimmte vielleicht notwendige Qualifikationen nicht (ausreichend und immer) verfügt oder auch zeitweise persönliche Sorgen und Nöte mit sich rumschleppt. All diese Dinge unterliegen nicht unserer Kontrolle. Man kann sie nicht einfach abstellen, führen aber zu schwankenden Arbeitsergebnissen.

Die zweite Grundannahme ist, dass wir uns ändern können, indem wir uns „zusammenreißen“. Ich glaube jeder von uns hat genügend persönliche Erfahrung damit gesammelt. Mit guten und gescheiterten Vorsätzen kann man vermutlich das ganze Universum pflastern.

Die dritte Grundannahme ist, dass Druck ein gutes Mittel, ist eine Änderung herbei zu führen.
Druck führt nur in Ausnahmefällen zu einer positiven, dauerhaften Veränderung. Die Folgen sind Stress, Ärger, Unwohlsein, Überlastung, Krankheit, Burnout etc., alles was die Fehlerquote erst richtig steigen lässt. Das gilt auch dafür, dass wir uns selbst unter Druck setzen.

Warum spielen wir dieses Spiel?

  1. Ich glaube, eines ist die Gewohnheit. Wir sind so daran gewöhnt, dass irgendeiner Schuld sein muss, wenn es ein Problem gibt. Schuld, Scham und Bestrafung sind sehr beliebte Mittel in der Erziehung, die wir vermutlich alle alle erfahren haben. Also glauben wir, dass die Welt so funktioniert.
  2. Subjektive Entlastung: Wenn der Schuldige gefunden ist, liegt die Lösung des Problems nahe. Entweder der ändert sich, oder er muss ausgetauscht werden, und wenn ich beides nicht erreichen kann, „dann kann ich auch nichts machen“.
  3. Die Illusion des Quick-Fix: Das Problem ist personalisiert, damit lokalisiert und damit relativ einfach zu lösen. Die Person wird von anderen unter Druck gesetzt (getadelt, bestraft, Konsequenzen werden angedroht) oder wir selber setzen uns entsprechend unter Druck. Und die angestrebte Änderung in der Person wird das Problem lösen.

(Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir oft der schlimmste Kritiker von uns selbst sind? Wir glauben, dass die Welt so funktioniert. Deswegen wenden wir das Prinzip auch auf uns selbst an.)

Der Quick-Fix mag in seltenen Fällen funktionieren und in einigen Fällen kurzfristig zum Erfolg führen. Und natürlich ist manchmal die falsche Person am falschen Platz, und das zu ändern ist ein Segen für alle Beteiligten.
Die Illusion der Problemlösung durch Schuldigensuche ist zwar subjektiv angenehm (außer für den, der schuldig ist). Aber sie verhindert und verzögert die wirkliche Problemlösung – manchmal sogar so lang, dass eine gute Problemlösung gar nicht mehr möglich ist.

Der bessere – zugegebenermaßen mühsamere und länger dauernde – Weg ist:

  1. Herausfinden, welche Ursachen zu dem Problem / unerwünschten Ergebnis geführt haben (Organisation – Verfahren/Informationsflüsse, Qualifikation, Einflüsse durch die Umwelt – es sei hier an das Ishikawa-Diagramm oder 4- oder 6-M-Diagramm erinnert).
  2. Herausfinden, was die Qualität und und Zuverlässigkeit der Prozesse einschließlich des persönlich qualitativ gewünschten Handelns unterstützt. Die Prozesse, Methoden und Instrumente sollten so gut sein, dass es vielleicht ein langsamer und schneller gibt, aber die Qualität immer die gleiche bleibt – fehlervermeidendes Vorgehen und fehlervermeidende Strategien.
  3. Gemeinsam entsprechende Änderungen entwickeln und einführen.

Dies gilt auch für persönliche Veränderung. Mehr davon in einem der nächsten Blog-Beiträge. Für die Neugierigen hier ein Link (Vortrag auf Englisch): https://www.youtube.com/watch?v=3TX-Nu5wTS8

Und hier noch ein Link (ganz humorvoll) in dem auch das Thema Schuldigensuche aufgegriffen wird (auf deutsch): http://www.youtube.com/watch?v=Ug83sF_3_Ec

Kommentare

Ja, das beobachte ich auch. In kleinen Betrieben und in großen Konzernen.
Ich habe mehrfach bemerkt, dass viele Menschen zwar pauschal Schuldzuweisungen ablehnen, aber im konkreten Fall doch wieder zurückfallen und andere Mitglieder angreifen.
Ich denke, viele Menschen sehen eine Schuldzuweisung (auf fachlicher Ebene im Projekt oder in der Arbeit) als persönliche Bewertung ihrerseits und ihres Charakters. Da versuche ich zu trennen. Mein Handeln oder meine Tätigkeit zu diesem Moment unter verschiedenen Umständen hat ein Ergebnis erzeugt. Vielleicht kein gutes. Aber das hat mit mir persönlich nichts zu tun. Das nächste Mal einfach besser machen.
Natürlich sollte es sachlich und gerechtfertigt bleiben. Falsche Schuldzuweisungen schaden nur.
Aber auch Schuld eingestehen finde ich wichtig, um zu sagen “ So wird es nix, was kann ich verbessern“. Nicht an Gewohntem festhalten, weder aus Bequemlichkeit oder um seine eigene “Schuld“ zu verdecken.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr häufig nicht differenziert wird zwischen "Schuld" und "Ursache". Es wäre vermutlich vielen Projekten damit gedient, wenn man sich klar macht, ob man es hier mit einem Problem zu tun hat, dem eine Ursache zu Grunde liegt, die nicht beeinflussbar war, oder ob wirklich das viel zitierte "menschliche Versagen" der Grund war.
Sehr häufig wird bei Auftreten eines Problems reflexartig der/die Schuldige(n) gesucht - und eine Menge Zeit vertrödelt, die man eher zur Lösung verwenden sollte - anstatt erstmal die Ursache zu lokalisieren, das Problem zu lösen und dann, wenn man Zeit dazu hat, sich zu überlegen, wie man solche Probleme in Zukunft  verhindern kann.
Und natürlich gibt es immer wieder Menschen, die unzweifelhaft Schuld sind. Sei es, dass sie Dinge vergessen, nicht beachtet oder einfach nicht gemacht haben. Hier ist dann schon die Frage zu stellen, wieso sie das getan oder nicht getan haben und hier sollte dann auch angesetzt werden. Aber pauschal und panisch den Sünder zu ermitteln, ist nicht hilfreich und stellt lediglich sicher, dass es auch beim nächsten Mal wieder kracht. Und wieder jemand daran "Schuld" ist. 

Meine Erfahrung zeigt, dass dieser Reflex besonders ausgeprägt in Firmen vorkommt, die sehr stark hierarchisch aufgebaut sind und die Mitarbeiter diesen Reflex als eine Art "Lebensversicherung" mittlerweile ansehen. Und spätestens dann ist das ursprüngliche Problem schon längst nicht mehr DAS Problem, das es zu lösen oder zumindest zu beachten gilt.